Suchen
 
 

Ergebnisse in:
 


Rechercher Fortgeschrittene Suche

Schlüsselwörter

November 2017
MoDiMiDoFrSaSo
  12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930   

Kalender Kalender


Die Zähne der Jungfrau

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Die Zähne der Jungfrau

Beitrag von Hirnsuppe am Do März 10, 2016 1:45 pm

Eine Mosaikbrücke aus Sternenstaub glitzerte wie ein zerbröselter Regenbogen unter meinen Schritten, die hinaus trabten in die kälteste Nacht auf Erden, als ich so auf der Flucht war vor den zwiespältigen Schatten der hohen Gebäude, die mein Wille nicht umzustoßen vermochte. Zwischen den fremden Stämmen fand ich kein Zelt zum Heim und die Wolken krochen vom Himmel herab mir direkt über die durstigen Lippen. Ich stritt mit den Opalkriegern noch um die Zähne einer alternden Jungfrau, dann stieß ich sie in einen Brunnen, dessen steinerner Busen sie hundert Jahre lang nährte mit fauligen Wassern. Ich ließ die Zwergkamele des Kranichs in die runde Tiefe erbrechen und urinieren, bekam dennoch ihre Zähne nicht herauf zu mir und da nahm ich einen schweren Krug, den die Schattenwelpen einen Eimer schimpften, und ließ ihn wütend an einer Wand zerschellen, an einer Mauer ganz aus Sand und Salz, in die klagende Priester ihre verlogenen Tränen hinein drückten. Ich konnte sie zittern hören und es erschrak mein Gemüt bis auf das Geflecht meiner Adern, dass ich keine Perlen fand an ihren edlen Roben, die sie aufgetragen hatten, sich vor den Blicken der Bedürftigen ihr Ansehen als milde Wohltäter zu sichern. Ich glaubte ihnen nicht. Ich schrieb an die Opalkrieger einen Brief ganz aus Glas und legte meinem Schreiben die Hälfte meines linken Ohres bei. Die andere Hälfte verschlang ich selbst, denn ich hungerte seit vielen Monden und band mich aus Lust dann zur Hälfte taub geworden an einen Pfahl aus Eisen, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn als Schwert hätte tragen können.
Meine Hörner wurden schwer und immer schwerer, ganz gleich, wie sehr ich mit giftigen Gräsern sie zu lüften ersuchte. Meine Augen sanken mir auf die Knie und ich schlug mich auf ihnen weiter durch die Wüste, kroch schließlich selbst dahin, wie die Wolken vom Himmel herab. Wieder schrieb ich Oden an die Jungfrau, die noch immer in dem Brunnen gefangen war und klagte sie endlich heimlich der Mauer, als die Priester alle im Bade waren, um den König zu küssen.
Ich vermisste meinen Gott, ich rief ihn an, aber er hatte nun eine andere Nummer und ich konnte ihn einfach nicht mehr erreichen, denn niemand schien seine neue Nummer zu haben. Die Nummer seines Widersachers aber war immer noch die selbe, die hatte sich nicht geändert, sie war auch leicht zu merken, bestand ja auch bloß aus drei Ziffern, die alle die selbe Zahl hatten. Ich rief ihn also an und er war nicht zuhause, seine Quakbox war dran und ich sprach hastig eine Nachricht auf das Höllenband mit der anschließenden Bitte darum, mich doch zurückzurufen und dann war die Verbindung weg, wieder so ein Scheißfunkloch.
Als es dann endlich Nacht war, legte ich mich unter einen Kalkstein und traf dort einen Skorpion, der mich auf eine Spritze voll Tee einlud; der wurde nur leider etwas zu heiß serviert und ich verbrannte mir den Mund daran, dass ich aufschrie und der Skorpion lachte mich aus darüber. Ich ging also wieder in die Nacht hinaus und sie war kalt. Ich war auf der Flucht und es war kalt. Nicht ein einziges gottverdammtes Hochhaus konnte ich umwerfen, ich war allein und machtlos und damit fast genauso schlecht dran, wie mein einstiger Gott bisweilen es war.
Die Opalkrieger hatten meinen Brief erhalten, aber weil keiner von ihnen des Lesens mächtig war, warfen sie das Glas zu der Jungfrau in den Brunnen, dass sie damit ihre Zähne schützen sollte. Aber sie riefen ihr nicht zu von oben und das Glas traf sie so hart, dass es ihr sechs Zähne ausschlug. Als ich davon gehört hatte, pilgerte ich noch in der selben Nacht zurück an den Brunnen und ich ließ mein langes Haar zu ihr herab, um sie damit zu erschrecken, denn darin wohnte allerlei scheußliches Ungetüm und die hässlichsten Würmer konnten beißen und kauen, schmatzen und kauen wie die Toten im Grabe. Die Jungfrau erschrak sich zum Missfallen meiner eitlen Gehässigkeit aber überhaupt nicht daran und ich spie einen Mund voll Asche zu ihr herunter, dass sie einen spitzen Laut des Ekels zu mir herauf quiekte. Von nicht weit in der Ferne vernahm ich darauf bald das wilde Kriegsgeschrei der Opalkrieger, die auf ihren Schrubbern über die Dünen fegten, um mich am Brunnen zu stellen. Da sprang ich selbst hinein in den selben und schreibe diesen Bericht soeben mit einer angespitzen Haarnadel in den kalten Leib der bleichen Jungfrau. Endlich habe ich ihre Zähne.
Und außerdem ist sie jetzt keine Jungfrau mehr.

_________________
blackmetal
avatar
Hirnsuppe
Admin
Admin

Weiblich
Anzahl der Beiträge : 240
Ort : Gaia
Statement : Freiheit.
Anmeldedatum : 25.03.08

http://hirnsuppe.bandcamp.com

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten